Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch wollte die Quartiere beleben – jetzt hinterlässt sie einen Scherbenhaufen
Wichtige Vereine wenden sich ab. Die Vereine fühlen sich von der Stadt bevormundet. Sie vertreten mehr als ein Viertel der Stadtbevölkerung.
Artikel von Michael von Ledebur in der NZZ vom 30.4.2026
Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch wird ihre politische Karriere in wenigen Wochen beenden. In der Öffentlichkeit war sie vor allem für ihre Auftritte bekannt, sie war das Gesicht der Stadt.
Ihr politisches Wirken im Präsidialdepartement erhielt weniger Beachtung. Zum Beispiel der Umstand, dass sich Mauch mit den Quartiervereinen einen jahrelangen Kleinkrieg liefert. In diesem Feld hinterlässt sie ihrem Nachfolger und SP-Kollegen Raphael Golta einen Scherbenhaufen.
Denn die Quartiervereine sind neuerdings gespalten. Die drei grossen Vereine Altstetten, Wiedikon und Wipkingen haben sich von der Stadt abgewendet. Damit verabschieden sich die Vertretungen von rund einem Viertel der Stadtbevölkerung von der Stadtverwaltung. Von total 12 000 Mitgliedern aller Quartiervereine in der Stadt lehnen somit 2881 die Vereinbarung ab. Im Kreis 5 steht der Entscheid der Basis noch aus, aber auch hier ist eine Ablehnung gut möglich.
Diese Vereine verzichten künftig auf finanzielle Unterstützung. Sie begründen den Schritt damit, dass die Stadt versuche, sie zu gängeln. Gemäss Vereinbarung werden unter anderem Vorstandsmitglieder zu Stillschweigen verpflichtet, und sie müssen Konflikte im Quartier an die Stadt weitermelden. Beni Weder, Vereinspräsident in Wipkingen, sagt: «Wir sind das einzige Sprachrohr, wenn bei der Stadt etwas schiefläuft. Die Leute wollen, dass wir diese unabhängige Stimme sind. Das ist wertvoller als Geld.»
Die Stadt hält ihren Plan für alternativlos
Ausgelöst hat den Streit der Plan der Stadt, mit jedem einzelnen der 25 Vereine eine sogenannte Subventionsvereinbarung abzuschliessen. Die Stadt unterstützte die Quartiervereine mit einigen tausend und bis zu 20 000 Franken pro Jahr, je nach Grösse des Vereins. Es ist eine verhältnismässig günstige Subvention, weil sie die ehrenamtliche Arbeit in den Vereinen fördert.
Das Präsidialdepartement stellt die Vereinbarung als alternativlos dar. Die übergeordnete Rechtsprechung sehe sie zwingend vor. Anlass für die strengeren Vorgaben war für die Stadt unter anderem ein Veruntreuungsfall im Quartierverein Witikon, der allerdings nicht zulasten der Stadt, sondern des Vereinsvermögens ging.
Als die Pläne der Stadt bekanntwurden, lehnten alle Quartiervereine die neuen Vorgaben unisono ab. Die Rede war von Mikromanagement und Bevormundung. Doch als die Vereinbarung im Sommer 2025 im Stadtparlament besprochen wurde, schien es, als gelinge eine gütliche Einigung.
Einige Auflagen an die Vereine wurden gestrichen. Zum Beispiel jene, dass die Vereine ihre Finanzen einer professionellen Revision unterziehen müssen. Auch die Wahrung der Meinungsäusserungsfreiheit wurde im Vertrag ausdrücklich erwähnt. Gleichzeitig blieben Vorgaben bezüglich Kommunikation, die viele Vereinsmitglieder als Bevormundung empfinden. Dies hat nun zum Bruch geführt.
Das Verhältnis zwischen Verwaltung und Quartiervereinen ist seit Jahren angespannt. Im Präsidialdepartement ist eine gesamte Abteilung damit beschäftigt, die Quartierarbeit zu standardisieren und die Vereine zu regulieren. Die ehrenamtlich getragenen Vereine wollen hingegen möglichst unbürokratisch funktionieren.
Die Vereine haben mit Skepsis beobachtet, wie die Stadt mehrmals versucht hat, Parallelstrukturen aufzubauen. Diese Versuche sind allerdings allesamt gescheitert: Die Internetplattform «Mein Quartier» musste die Stadt mangels Interesse einstellen. Auch der Einsatz von sogenannten Quartierkoordinatoren oder Quartier-Drehscheiben – kleine Aussenbüros mit Informationen über das Quartier – floppten.
Die jetzige Übung sei der jüngste Versuch der Stadt, Kontrolle auszuüben, sagt Christoph Ramseier, Vorstandsmitglied des Quartiervereins Altstetten. Sie habe eine Vorgeschichte. In Altstetten hat sich der Quartierverein vor Jahren gegen den Bau der Limmattalbahn eingesetzt und eine – kontradiktorische – Veranstaltung organisiert. Daraufhin fragten SP und GLP im Stadtparlament nach Möglichkeiten, um den Quartiervereinen in solchen Fällen die Subventionen zu entziehen.
Damals verneinte dies der Stadtrat. «Mit der Vereinbarung wird nun das Ziel, die Quartiervereine politisch auf Linie zu bringen, erfüllt», sagt Ramseier. «Aber wenn es um Fragen der Quartierentwicklung geht, müssen wir uns einsetzen können, ohne Angst, dass uns Gelder weggenommen werden.»
Der Wipkinger Präsident Weder nennt dazu mehrere Beispiele. Die Stadt habe zum Beispiel einen Fussgängerstreifen bei einer Kita entfernen wollen. Oder sie habe den neuen mobilen Recyclinghof, wo die Stadtbewohner ihr Sperrgut von Hand abgeben müssen, steil am Hang und vom öV schlecht erschlossen platziert. In beiden Fällen sei es gelungen, die Stadt zum Umdenken zu bewegen. Wenn man solche kontroversen Themen nicht mehr aufgreifen dürfe, werde es schwierig, sagt Weder.
Keine Gratisarbeit mehr
Dass die meisten der 25 Vereine die Subventionsvereinbarung unterschrieben haben, ist für Urs Rauber, den scheidenden Präsidenten des Quartiervereins Wiedikon, keine Überraschung. Die Mehrheit sei auf das Geld angewiesen. Nur grosse, aktive Vereine könnten es sich leisten, auszuscheren.
Die Quartiervereine fühlen sich von der Stadt direkt unter Druck gesetzt. Mehrere von ihnen warten auf ausstehende Portokosten in Zusammenhang mit Anlässen für Neuzuzügeranlässe vom letzten Jahr, ein vierstelliger Betrag. Die Vereine sind davon ausgegangen, dieses Geld zu erhalten.
Nun heisst es seitens der Stadt: kein Geld ohne Unterschrift unter die Subventionsvereinbarung. Mauchs Präsidialdepartement schreibt auf Anfrage der NZZ: «Wenn ein Quartierverein die Subventionsvereinbarung nicht unterschreibt, besteht kein Rechtsverhältnis zwischen der Stadt und diesem Quartierverein. Für eine Vergütung der Portokosten fehlt somit die rechtliche Grundlage.»
Mit dem Ausfall der Subventionen gehen die Vereine unterschiedlich um. In Wiedikon haben die Mitglieder zugestimmt, den Jahresbeitrag von 20 auf 30 Franken zu erhöhen. In Altstetten sieht man davon ab: Man habe ausreichend Vermögen für die nächsten Jahre. Beni Weder sagt, der Quartierverein Wipkingen werde auch ohne die Stadt überleben. «Sie unterstützt uns erst seit 1972. Uns gibt es aber schon seit 1859.» Der Verein ist unter anderem dank dem rentablen Wochenmarkt auf dem Röschibachplatz finanziell gut aufgestellt.
Mit der Stadt wolle man weiter gut zusammenarbeiten, betont Weder. Aber manches werde man anders handhaben. Zum Beispiel die Mitarbeit in einer Dialoggruppe wie jener zur Zukunft der Rosengartenstrasse: Dort seien die Fachleute fürstlich entlohnt worden, während man von den Vereinsvertretern Gratisarbeit erwartet habe. «Künftig machen wir in solchen Fällen der Stadt eine Offerte.»
Für Weder ist angesichts der Ablehnung durch die grossen Quartiervereine klar, dass die Stadt nachverhandeln und die einschränkenden Klauseln streichen muss. Vielleicht schaue Mauchs Nachfolger Raphael Golta das Geschäft ja nochmals mit frischen Augen an. «Falls nicht – that’s it», sagt Weder. «Wir haben unseren Weg gefunden.»