Verkehr

Katzenmusik vom Wipkinger Viadukt

Die Züge auf dem Wipkinger Viadukt rollten im ersten Jahr seit der aufwändigen Renovation beeindruckend leise über ihre Trasse. Doch nun verursachen sie plötzlich neue Geräusche und sind deutlich lauter geworden. Wer das als Anwohnerin oder Anwohner festgestellt hat, war nicht bloss von den heissen Augustnächten entnervt – das ist die Backstory.

Der denkmalgeschützte Wipkinger Viadukt von 1892/93 wurde im Rahmen einer aufwändigen Renovation fit gemacht für die Anforderungen des heutigen Bahnverkehrs. Dem Bau gingen mehrere Jahre Planung voraus, die Strecke Zürich HB–Wipkingen war für ein ganzes Jahr gesperrt. Die Arbeiten waren gerade abgeschlossen, als ich an die Hönggerstrasse zog.

Seither geniesse ich den Ausblick auf Limmat und Viadukt und durfte feststellen, dass die Züge erstaunlich leise unterwegs waren. Dazu trägt die neue Fahrbahnkonstruktion mit ultrahochfestem Faserbeton, kurz UHFB, bei. Wir genossen die vielen Sommerabende und so mancher Gast verwunderte sich über das elegante Vorbeigleiten der Züge.

Bis eines Nachts im August ein lärmiger Feuerdrache seinen Auftritt hatte. Ein Schienenschleifzug bearbeitete während der nächtlichen Betriebspause die Gleise. Funken flogen, Metall kreischte auf Metall.

Danach fiel mir auf, dass die Züge plötzlich nicht mehr so leise waren. Im Gegenteil: Seit dem Auftritt des Feuerdrachen «singen» die Schienen regelrecht, wenn die Züge darüberrollen. Und zwar in einer nicht besonders angenehmen Frequenz. Man könnte es statt Singen auch einfach Kreischen nennen.

Zunächst glaubte ich, einfach von den heissen Augustnächten entnervt zu sein. Und fragte schliesslich bei den SBB nach, weshalb die erst kürzlich verlegte Gleise bereits wieder bearbeitet werden mussten. Könnten sie sich wegen der aussergewöhnlichen Hitze verzogen haben? Die Erklärung der SBB: «Nach dem Einbau von neuen Schienen müssen diese von Zeit zu Zeit geschliffen werden, dies wurde Ende August 2026 gemacht. Dieses Schleifen verursacht ein Singen, da eine Struktur beim Reprofilieren in die Schienen geschliffen wird. Dieses Singen wird je nach Belastung nach 1 bis 2 Monaten wieder verschwinden.»

Das Wipkinger Viadukt hat also keinen Hitzeschaden. Es singt bloss vorübergehend. Wenn die Prognose der SBB stimmt, dürfte der normale Zugverkehr die beim Schleifen entstandene Struktur nach und nach wieder glätten. Irgendwann im Oktober sollten die Züge wieder so leise über die Limmat rollen wie zuvor.

Hans Georg Hildebrandt