Historisch

Geschichte der Post in Wipkingen von 1837 bis 1974

Wie entwickelte sich das Postwesen in Wipkingen von 1837 bis zum Bau des betonbrutalistischen Gebäudes 1974 am Wipkingerplatz?

Auszug aus dem Jahresbericht der Gemeinnützigen Gesellschaft Wipkingen Quartierverein 1973.

Editorial

Im Berichtsjahr 1973 konnte die Post ihr neues Gebäude vor dem Kirchgemeindehaus Wipkingen beziehen. Das gab den Anreiz zu Fragen: Wo war sie denn früher untergebracht? Wie entwickelte sich die Post in Wipkingen von ihren Anfängen bis heute? Beim Studium der Dokumentenmappe über die Post Wipkingen, die dem Berichterstatter freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, und aus Protokollen der GGW, in welchen häufig von Begehren der Post gegenüber die Rede ist, zeigte sich, dass die Post in Wipkingen nun in ihr 7. Lokal eingezogen ist. Es gelang auch, Bilder der betreffenden Gebäude aufzutreiben, so dass diese hier wiedergegeben werden können.

Vor 1837

Vor dem Jahre 1837 bestand noch keine regelmässige Postzustellung in Wipkingen, das damals immerhin bald 1’000 Einwohner zählte. Das Bedürfnis dazu war aber da, und mit dem steten Wachstum der Bevölkerungszahl – in rund 100 Jahren um das zwanzigfache — wuchs auch der hiesige Postverkehr ganz gewaltig an.

Vom Jahre 1837 an kam zweimal im Tag ein Briefträger nach Wipkingen, der auch Unter- und Oberstrass zu bedienen hatte. Also ein einziger Briefträger für diese drei Gemeinden!

Ab 1843 vertrug er wohl die ersten mit Marken frankierten Briefe, welche die Zifferzeichnungen 4 und 6 trugen. Ob wohl der damalige Briefträger ahnte, dass diese kleinen Dingerchen einst einen Sammlerwert von ein paar tausend Franken erreichen würden?

Von 1842 an wurde ein vorerst täglicher Postkurs Zürich – Baden geführt, und zwar dem rechten Limmatufer nach. Der Postwagen, der auch Personen beförderte, verliess morgens 5 Uhr Baden und kehrte nachmittags 4 Uhr von Zürich zur Ausgangsstation zurück. Als 1847 die „Spanischbrötlibahn zwischen Baden und Zürich zu verkehren begann, wurde der obige Postkurs zeitweise eingestellt.

1855 verkehrte vorerst ein zweispänniger Postwagen, der dann aber wieder zu einem einspännigen erniedrigt wurde. Das passte den Wipkingern ganz und gar nicht. Darüber steht allerlei in der 1959 herausgekommenen Festschrift 100 Jahre GGW. Das einspännige offene Chaischen, das 1862 einmal täglich zwischen Zürich und Baden verkehrte, erregte den Unwillen unserer Bevölkerung.

Als ein unwürdiger Zustand wurde auch empfunden, dass die Zwischenstationen unter sich keine direkten Postsäcke hatten. Wenn beispielsweise am frühen Vormittag in Weiningen ein Brief nach Wipkingen aufgegeben wurde, wanderte dieser im Postsack durch Wipkingen hindurch nach Zürich, wurde dort aussortiert und mit der Nachmittagspost nach Wipkingen zurückspediert.

An einer Versammlung der GGW wurden daher folgende Wünsche vorgebracht: Wipkingen sei zu einem Postbüro zu erheben mit direkter Briefsendung nach und von den Hauptstationen dieses Kurses, ferner sollte dieser mit einem geschlossenen Zweispänner geführt werden.

1. Postlokal: 1857-1873, Hönggerstr. 51.

Im Jahre 1857 erhielt Wipkingen eine eigene Postablage. Sie war im Parterre des heutigen Hauses Hönggerstr. 51 untergebracht mit Eingang unter dem Treppenaufgang zu den Büros der jetzigen Buchdruckerei Siegfried & Co. Dieser Teil des Hauses war 1823 erbaut worden, das rechts anschliessende Haus Hönggerstr. 53 etwas später, und dieses hatte bis vor wenigen Jahren noch einen Vorbau. Die Räumlichkeiten der Druckerei wurden 1910 links an das Haus angebaut.

Erster Posthalter und Besitzer des Hauses war Leutnant Conrad Siegfried, ein in Wipkingen gar wohlbekannter Mann. Er war noch Mädchen für alles, Posthalter und Briefträger für ganz Wipkingen in einer Person! Er wird oft die noch ungezähnten Marken mit der sitzenden Helvetia gestempelt haben, von denen die einen heute auch einen schönen Sammlerwert besitzen.

Die Jahresbesoldung des Posthalters betrug anfangs Fr. 400.- und wurde dann mit der Zeit auf Fr. 720.— gesteigert. Es ist zu dieser gar niedrigen Besoldung allerdings zu bemerken, dass nach der Chronik der GGW damals ein Pfund Rindfleisch erst 70 Rappen kostete!

2. Lokal: 1873—1877, alte Dorfstr. 25.

Früher begann nämlich die Dorfstrasse bei der Wipkingerbrücke drunten. Auf dem Bild sieht man ein Stück davon als schmale Strasse. Das geräumige Haus links drüben war Dorfstr. 19, das etwas weiter zurückstehende, von dem man hinter Bäumen die südliche Frontseite sieht, war Nr. 25, einst das Postlokal. Schreinermeister Rudolf Vogler hatte 1872 dieses Haus gebaut.

Vielleicht als Nebenverdienst übernahm er 1873 die Posthalterstelle. Drei Jahre später, nach Einführung der Ziviltrauung, wurde er der erste Zivilstandsbeamte. Sein Schwiegersohn war der Kaufmann Rudolf Baumann-Vogel, der neben dem „Anker” einen Laden hatte und 1920 die Villa Hönggerstr. 100 baute, die aber 1953 nach seinem Tode schon wieder abgerissen wurde. – Die beiden Häuser der alten Dorfstrasse wurden 1908 abgebrochen, also bald nach der 1907 erfolgten Aufnahme dieses Bildes, damit die Zufahrt zur 1901 neu erstellten Wipkingerbrücke verbessert werden konnte.

Die verbreiterte Röschibachstrasse, in welche bis zur Nordbrücke hinauf Tramschienen eingelegt wurden, begann nun bei der Brücke drunten. Die Häuser der Dorfstrasse, die fortan bei der Einmündung in die Rosengartenstrasse bei der ehemaligen Bäckerei Piller begann, wurden umnumeriert.

Von den Häusern, die im Bild rechts drüben zu sehen sind, war vorn bei der Gaslaterne, die ein Täfelchen trägt: Achtung Tramway! – das „Inseli” einst auch Postlokal. Weiter hinten ist der „Wipkingerhof” zu sehen. Diese Häuser der rechten Strassenseite wurden 1967 der Westtangente wegen abgebrochen.

Das Haus im Hintergrund, einst Gärtnerweg 5 und 7, verschwand schon 1934, als mit dem „Kaiserschnitt” — so hiess es in einem Wahlprospekt — die Rosengartenstrasse gerade gelegt wurde, was, damals noch ungewollt, zum Elend der heutigen Westtangente führte. Gärtnerweg 5, der rechte Teil des obigen Hauses, war übrigens das Geburtshaus des Wipkinger Wohltäters Salomon Rütschi-Bleuler.

3. Lokal: 1877—1888

,,Inseli”, das wirklich wie eine Insel im Dreieck Hönggerstrasse, Inselweg und Dorfstrasse, der späteren Röschibachstrasse, lag. Die Post war im südlichen Anbau, offenbar dort, wo zuletzt ein Coiffeur Geschäft war, bevor das Haus abgebrochen wurde. Im Inseli war schon 1872 eine Wirtschaft eröffnet worden. Später war der Konsumverein dort drin und gegen die Röschibachstrasse zu war unten ein Papeterie- und Rauchwarengeschäft.

4. Lokal: 1 888-1931, Hönggerstr. 39.

Hievon sind zwei Bilder. Das eine ist eine Ansichtskarte vom Jahre 1909. Sie wurde nach Horgen geschickt. Auf der Rückseite schrieb die damalige Absenderin: „In Horgen ist es schön, aber in Wipkingen ist es noch schöner.”

Das zweite Bild ist aus späterer Zeit, als Kohlenhändler J. Hildebrand mit seinem Pferd die Postkarren im Quartier herumführte.

Nach dem Bundesgesetz vom Jahre 1890 musste auf den Postbüros täglich 12 Stunden gearbeitet werden. 52 Ruhetage waren vorgeschrieben, wovon 17 auf Sonntage fallen sollten. Die Postschalter waren nämlich am Sonntagmorgen offen, und auch die Post wurde vertragen. Das geht auch aus Einträgen in Protokollen der GGW hervor: 14. Sept. 1911: Herr Ott konstatiert eine arge Hemmung des Verkehrs auf dem Postbüro Wipkingen an Sonntagvormittagen, indem dann nur 1 Schalter geöffnet und dieser manchmal stürmisch belagert sei.

3. Nov. 1911: Der Postverwalter hat Abhilfe betr. Schalteröffnung an Sonntagvormittagen versprochen.

Erst 1924 beschlossen die eidg. Räte, und zwar gegen heftigen Widerstand der Ortsbehörden und des Publikums, an Sonntagen die Postschalter zu schliessen und die Zustellung einzustellen.

Das Haus Hönggerstr. 39 war 1877 gebaut worden mit der Wirtschaft „Arizona” darin. Mehrmals musste es umgebaut und vergrössert werden, da die Post immer mehr Platz benötigte. Dazu ein Auszug aus dem Vorstandsprotokoll vom 20. Nov.

1917: Als Gast ist Posthalter Wespi anwesend zur Besprechung der Postverhältnisse in Wipkingen. Übelstände sind: zu wenig Schalter, beschränkter Platz hinter den Schaltern, kleiner Personalbestand, Beschränkung der Briefkastenleerungen in den
jetzigen Verhältnissen begründet. (Zeit des 1. Weltkrieges!) — Schon 1921 war vom Bau eines Kirchgemeindehauses die Rede, und schon damals regte die GGW an, in diesem die Post Wipkingen unterzubringen. Noch dauerte es 10 Jahre, bis die Post wirklich im neuen Kirchgemeindehaus für 4 Jahrzehnte eine bleibende Stätte fand.

5. Lokal: 1931-1971 im Kirchgemeindehaus.

Hier hatte die Post in einem Neubau erstmals ein Lokal, das nach ihren Wünschen eingerichtet worden war. Trotzdem entstand mit der Zeit wieder Platzmangel. 1952 mietete darum die Post zum Schalterraum hinzu die Räumlichkeiten des im Kirchgemeindehause eingegangenen Bades. Dort sortierten fortan die Briefträger ihre Postsachen. Erschwerend für das Schalterlokal wirkte, dass es viel zu nahe an die Strasse hin gebaut worden war, was Zu- und Wegfahrt stark behinderte und gefährdete.

Recht unangenehm war auch, dass die Terrasse über dem Lokal zu rinnen begann, so dass das Wasser in die Post hinablief. Als die Kantonalbank im Jahre 1965 ihren Neubau beim Wipkingerplatz bezog, hätte für die Post die Möglichkeit bestanden, jene Räumlichkeiten zu den ihrigen hinzuzunehmen. Die massgebenden Stellen hatten aber höhere Pläne im Kopf. Sie wollten ein eigenes Postgebäude. Ob der Platz vor dem Kirchgemeindehaus günstig war, wird die Zeit lehren.

6. Lokal: 29. Nov. 1971 bis 4. Aug. 1973, Provisorium zwischen Rosengartenbrücke, Nordstrasse und Westtangente.

Viele Postkunden, besonders jene aus dem oberen Teil von Wipkingen, hätten es gern gesehen, wenn das neue Postgebäude dort droben erstellt worden wäre.

7. Lokal: seit 6. Aug. 1973, Neubau Wipkingerplatz 7.

Seine Räumlichkeiten sind recht ansprechend, doch gewöhnen sich viele Postbesucher nur schwer daran, dass die Schalter im 1. Stock droben sind. Eine alte Frau hat dem Berichterstatter erklärt: „Ich geh’ nie auf diese Post. Ich habe das Altersabonnement beim Tram und fahre lieber zum Limmatplatz, um zur Post zu gehen.” — Wohl besteht ein Lift. Aber die Wipkinger haben mit den Liften bei der Fussgängerüberführung oberhalb des Kirchgemeindehauses schlimme Erfahrungen gemacht, so dass sie dem Postlift mit Misstrauen begegnen.

Bis anhin war er auch nur in Betrieb während der Öffnung der Postschalter. Versprochen ist, dass er auch abends und über das Wochenende in Betrieb bleibe und nur täglich zwischen 23.00 und 06.00 Uhr abgestellt werde. Damit wäre auch jenen gedient, die im Kirchgemeindehaus Anlässe besuchen wollen, welche nicht während der Postöffnungszeiten durchgeführt werden. In der wärmeren Jahreszeit wird der Lift auch gerne benutzt werden, um zu der hübsch angelegten Dachterrasse hinaufzufahren.

Personalbestand: Dessen Entwicklung zeigt den gewaltigen Aufschwung des Postverkehrs in Wipkingen. Wir haben schon gehört, dass der erste Posthalter Schalterbeamter und Briefträger in einer Person war. Auch im 2. Lokal wird es noch so gewesen sein. Als dann die Post im Jahre 1877 in den Anbau des „Inseli” übersiedelte, übernahm die recht tüchtige Anna Zahner die Poststelle, wo sie auch den 2 Jahre vorher eingeführten Telegraphen zu bedienen hatte. 1884 kam dann noch die erste Telephonstation hinzu. Die Posthalterin musste die Briefpost nicht mehr selber vertragen. Es wurde ihr ein Briefträger zugeteilt. — Frl. Zahner zügelte 1888 mit der Post an die Hönggerstr. 39 hinüber, wo sie noch bis 1903 weiterwirkte.

Schon im Jahre 1900, als Wipkingen 4 512 Einwohner zählte, waren mit der Posthalterin 7 Personen tätig, darunter 4 Briefboten. Als Anna Zahner 26 Jahre lang treu auf der Wipkinger Post gedient hatte, wurde sie nach Zürich berufen, wo man ihre guten Dienste in Anspruch nehmen wollte. Ihre Nachfolger, Johann Inhelder, Jakob Kundert und Fritz Sigg, blieben jeweilen nur ein paar Jahre in Wipkingen, hingegen hielt Rudolf Wespi von 1916—1941 unserem Quartier die Treue. Als im Jahre 1930 die Bevölkerung von Wipkingen auf 20 896 Personen angewachsen war, hatte Rudolf Wespi einen Stab von 26 Personen unter sich, darunter 5 Paket- und 12 Briefboten. — Während seine Nachfolger hier wirkten: Rudolf Fischer, Hans Walter, Giovanni Pellegrini, Werner Meyer, Heinrich Frei und Benedikt Deplazes, letzterer seit 1965, begann die Bevölkerungszahl von Wipkingen zu stagnieren, ja sie nahm von 1948 an bei einem Höchststand von 22 481 Personen wieder ab auf 18 778 im Berichtsjahr. Darum wuchs auch der Personalbestand nicht mehr so stark an.

Als mit dem Bezug des neuen Postgebäudes die Bevölkerung das „Geschenk” der nur noch einmaligen Briefpostzustellung erhielt und auch die Samstagszustellung unterblieb, konnten 4 Botenbezirke auf die anderen 12 Briefboten aufgeteilt werden.
Daneben bestehen nun noch 8 Bezirke für Paketboten. Im gesamten waren im März 19^4 auf der neuen Post drunten 38 Personen tätig. — Nachdem die Post in Wipkingen nun ein eigenes Gebäude erhalten hat, hofft die Bevölkerung, dass deren Dienstleistungen nicht noch mehr die Schwindsucht bekommen werden, sondern dass die Post die ihr übertragenen Aufgaben zur Zufriedenheit der Kundschaft erfüllen kann.

 

 

 

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