Das geraubte Privileg: Wie die Frauen von Wipkingen ihr Stimmrecht verloren
Im Zürcher Quartier Wipkingen existierte einst etwas, das heute kaum vorstellbar ist: ein Frauenstimmrecht, das tief in den Alltag und die Wirtschaft des Dorfes eingebettet war – und das später nahezu spurlos verschwand.
Im Zürcher Quartier Wipkingen gab es einst ein Frauenstimmrecht, das moderner wirkt als vieles, was Jahrhunderte später folgte. Frauen entschieden mit – nicht trotz, sondern wegen ihrer Rolle in der Wirtschaft. Wer einen Hof bewirtschaftete, Holz bezog oder Wasser nutzte, hatte eine Stimme. Und das galt auch für Frauen.
Artikel “Damals” in der Wipkinger Zeitung vom 26.3.2026 von Martin Bürlimann
Martin Bürlimann zeigt, dass Frauen im Mittelalter keineswegs politisch machtlos waren. Im Gegenteil: Ihre Mitsprache war direkt an Besitz und Nutzung von Ressourcen gekoppelt. Wer über Erträge aus Land, Wald oder Wasser verfügte, hatte auch ein Stimmrecht – unabhängig vom Geschlecht. Frauen konnten Höfe bewirtschaften, Verträge abschliessen und sogar komplexe Finanzgeschäfte tätigen. So kaufte etwa 1402 eine Wipkingerin nicht Land, sondern den Ertrag daraus – und damit verbunden auch politische Mitsprache.
Eigentum wurde im Ertrag gemessen
Diese Form der Teilhabe war eng mit den damaligen Wirtschaftsstrukturen verknüpft. Eigentum wurde nicht in Fläche oder Gewicht gemessen, sondern im Ertrag – etwa in «Mannwerk» oder «Mütt». Stimmrechte waren handelbar, übertragbar und an konkrete Nutzungsrechte gebunden. Wer Ressourcen nutzte, entschied auch über deren Verwaltung. Frauen waren dadurch selbstverständlicher Teil politischer Prozesse, etwa in Genossenschaften oder bei der Organisation der Allmende.
Und dann kommt der Bruch
Mit dem Einmarsch von Napoleon Bonaparte im Jahr 1799 endet das alte System abrupt. Das Ancien Régime zerfällt, die alten Genossenschaften verlieren ihre Bedeutung, die gewachsenen Strukturen werden zerschlagen. An ihre Stelle treten moderne Staatsideen – Gleichheit, Bürgerrechte, klare Ordnung.
Wasserversorgung dank den Wipkingerinnen
1880 blitzte das alte Prinzip nochmals auf – beim Bau der Wipkinger Wasserversorgung. Dort spielten Frauen – insbesondere Witwen mit Besitz – eine entscheidende Rolle bei der Abstimmung. Ihre Stimmen entschieden mit über ein zentrales Infrastrukturprojekt. Ihr Stimmrecht beruhte auf alten Genossenschaftsrechten: Wer einen Herd besass, hatte Mitspracherecht.
Schleichendes Ende einer langen Tradition
Denn der eigentliche Verlust des Frauenstimmrechts geschah nicht plötzlich, sondern schleichend – durch tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Mit der Einführung des metrischen Systems und der Umstellung auf moderne Eigentumsbegriffe wurde Besitz neu definiert: nicht mehr als Ertrag, sondern als messbare Fläche. Gleichzeitig zerstörten die politischen Umwälzungen um 1799 unter dem Einfluss Napoleon Bonapartes die alten Institutionen.
Genossenschaftliche Strukturen verschwinden
Mit dem Ende des Ancien Régime verschwanden auch die genossenschaftlichen Strukturen, die Frauen Mitsprache ermöglicht hatten. An ihre Stelle trat ein “modernes” Staatsverständnis, in dem politische Rechte an die Person gebunden waren – faktisch jedoch an Männer. Die neuen, unveräusserlichen Menschenrechte brachten Fortschritt, aber auch einen paradoxen Rückschritt: Frauen verloren ihre historisch gewachsenen Mitbestimmungsrechte.
Frauenstimmercht keine Neuerfindung
So ging in Wipkingen ein Stück politischer Realität verloren, das heute fast vergessen ist. Das Frauenstimmrecht, das 1971 schweizweit eingeführt wurde, war in gewisser Weise keine Neuerfindung – sondern die späte Wiederkehr eines längst verschwundenen Prinzips.
Fazit
Das Frauenstimmrecht verschwindet nicht, weil man es aktiv abschafft. Es verschwindet, weil man das System ersetzt, das es überhaupt möglich gemacht hat.