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«Klima des Misstrauens»: Quartier­vereine lehnen Gelder der Stadt ab

Nach drei Veruntreuungsfällen hat die Stadt die Regeln für Subventionen verschärft. Quartiervereine wehren sich gegen die «Disziplinierung» – und verzichten lieber auf Zehntausende Franken.

Artikel im Tagseanzeiger vom 23.3.2026 von Lorenzo Petrò

  • Zürich verschärft die Subventionsbedingungen für Quartiervereine mit strengeren Berichtspflichten.
  • Die Vereine Wipkingen und Altstetten verzichten lieber auf Fördergelder, als dass sie ihre Unabhängigkeit aufgeben.
  • Vereinsvertreter kritisieren, dass freiwilliges Engagement durch die neuen Auflagen nicht mehr wertgeschätzt werde.
  • Die Stadt betont, die Meinungsfreiheit der Vereine bleibe im neuen Vertrag ausdrücklich gewahrt.

Die Stadt Zürich will die Zusammenarbeit mit den Quartiervereinen auf eine neue Basis stellen. Wer künftig städtische Gelder beziehen möchte, muss eine detaillierte Subventionsvereinbarung unterschreiben. Diese sieht strengere Berichtspflichten, engere Leistungsziele und eine verstärkte Aufsicht vor.

Die neuen Regeln sind auch eine Reaktion auf drei Fälle von Veruntreuung: Bei den Quartiervereinen Affoltern, Leimbach und Witikon liessen Kassiere seit 2011 die Summen von 83’000, 46’000 und 117’000 Franken mitgehen.

Was die Stadt als moderne Transparenz verkauft und als sorgsamen Umgang mit Steuergeld, empfinden viele Quartiervertreter als massiven Eingriff in ihre Freiheit. Urs Rauber, der scheidende Präsident des Quartiervereins Wiedikon, findet bei Tsüri.ch deutliche Worte: Das Vorgehen der Verwaltung habe nichts mehr mit einer Partnerschaft auf Augenhöhe zu tun. Er spricht von «Politik vom hohen Ross herab» und einem Instrument der Disziplinierung. Den neuen Subventionsvertrag mit der Stadt will Rauber nicht unterschreiben, der Vorstand des Vereins ist in dieser Frage gespalten. Entscheiden wird bald die Generalversammlung.

Freiheit statt Subventionen

Zwei Vereine haben sich bereits gegen die Subventionen entschieden: Der Quartierverein Wipkingen will den Vertrag nicht unterzeichnen und verzichtet damit freiwillig auf rund 18 Prozent seines Budgets. Dank des gut laufenden Wochenmarktes auf dem Röschibachplatz kann sich der Verein die Art der Unabhängigkeit leisten. Präsident Beni Weder kritisiert auf Tsüri.ch, dass die Stadt die Vereine durch die neuen Auflagen zu «billigen Arbeitskräften» degradiere und das freiwillige Engagement nicht mehr wertschätze.

In Altstetten zeigt sich ein ähnliches Bild. Dort befürchtet man gar, die Stadt wolle die Vereine politisch zum Schweigen bringen. Vizepräsident Christoph Ramseier vermutet, dass kritische Positionen künftig bestraft werden könnten. Der Quartierverein Altstetten hat daher, auf Antrag des Vorstands, entschieden, auf rund 20’000 Franken städtischer Gelder zu verzichten, wie Tsüri.ch schreibt. Er nimmt damit ein jährliches Defizit von 10’000 Franken in Kauf, um sich nicht an die städtischen Vorgaben halten zu müssen.

Quartiervereine beklagen Klima des Misstrauens

Die Stadt weist die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher des Präsidialdepartements betont gegenüber Tsüri.ch, dass die Meinungsäusserungsfreiheit im Vertrag ausdrücklich gewahrt bleibe – ein Passus, der in der Diskussion im Gemeinderat ergänzt worden war.

Einige Vereine, darunter Seebach, Hirslanden oder Grünau, haben den Vertrag bereits «emotionslos» oder nach internen Debatten unterschrieben. Trotzdem bleibt in vielen Quartieren das Gefühl zurück, welches der Präsident des QV Hirslanden, Mischa Schiwow, als Klima des Misstrauens bezeichnet: «Zu viel Bürokratie und zu wenig Vertrauen.»

 

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