Kultur

10 Jahre Rest. Nordbrücke – 125 Jahre starke Geschichte und starke Zukunft!

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Am Wochenende vom Donnerstag 24.5.2018 bis zum Samstag 26.5.2018 feierte das Team vom Restaurant Nordbrüggli sein 10 Jähriges Jubiläum.

Tausende kamen und feierten. Wipkingen im Festtaumel!

Reminiszenz

Auf Wunsch des heutigen Teams des Nordbrüggli, hier die flammende Ansprache (aus der ICH Person-Perspektive des Nordbrüggli):

Liebe Fans vom Nordbrüggli

Ihr feiert heute „10 Jahre Nordbrücke – Zäggbummchlapf” – so stehts wenigstens auf dem Festplakat – also mich.

Meine Wurzeln – erstes Kapitel

Eigentlich gibt’s mich schon viel länger, nämlich seit 1893 – also seit 125 Jahren. Damals wurde die Nordstrasse als Verbindung vom Dorf Wipkingen zur Stadt eröffnet und ich als erstes Restaurant an die Kreuzung mit der Bahnlinie gebaut.

1906 eröffnete die Rotbuchstrasse, im Stile eines grosszügigen Boulevards und die Nordbrücke wurde mir vor die Nase gebaut. Von der Nordbrücke habe ich damals dann auch meinen Namen bekommen.

Entlang der neuen Strassenzüge entstanden in der Folge stolze Gebäude in städtischer Manier. Die Schwerindustrie im Escher Wyss Areal boomte und die Handwerker brauchten Wohnungen. Wipkingen emanzipierte sich vom Dorf zum städtischen Quartier. Viele stattliche Häuser wuchsen um mich herum. Das gefiel mir, mir gings gut und meine Gaststube war ein beliebter Treffpunkt.

Nach manch durchzechter Nacht hätte ich mir allerdings gegönnt, etwas länger schlafen zu können – aber die Bähnler hatten kein Mitleid und liessen die Güterzüge auch dann noch gnadenlos weiter durch den Tunnel rattern.

Mit dem Ausbau der Röschibachstrasse 1930 bis zur Limmat hinunter kam dann auch noch das Tram zu mir auf den Röschibachplatz. Bis 1964 weckte mich morgens jeweils das Quietschen des Trams, das auf dem Röschi wendete. Das ging mir ziemlich auf den Sack. Von Ausschlafen war dann überhaupt nicht mehr die Rede.

Dunkle Wolken – zweites Kapitel

Bis ins Jahr 1997 ging‘s mir wirklich gut, doch dann zogen Dunkle Wolken auf. Mein damaliger Besitzer – Fred Tschanz, dem übrigens auch das Odeon gehörte, verbrüderte sich mit den Bähnlern. Denen gehörte mein Nachbar, nämlich der Bahnhof Wipkingen. Bei wohl zuviel Schnaps kamen sie auf die Idee, meinen Nachbarn und mich dem Erdboden gleich zu machen und anstelle von uns beiden, zwei urbane 5 stöckige Betongebäude zur errichten.

Dafür engagierten sie den stadtbekannten Architekten Eraldo Consolascio. Dem verdanken wir übrigens auch das Stadion Letzigrund, das als Fussballstadion komplett untauglich ist.

Stadträtin Martelli führte die Urbanisierer an und verkündete 2005 stolz, dass anstatt den beiden „schlanken Türme“ nun ein wuchtiger 40 Meter hoher Betonblock erstellt werden soll, mit dem Vorteil, dass der dafür dann nur noch den Röschibachplatz beschatten würde.

Die Bähnler führten ins Feld, dass im Sockel ein Shoppingcenter errichtet werde, Zitat: „Weil es wichtig sei, die Dienstleistungsqualität in gut frequentierten Bahnhöfen zu erhalten.“ Wie das dann ausgesehen hätte, könnt ihr heute in den als Shoppingcenter getarnten Bahnhöfen jeden Tag selbst miterleben.

Weil Fred Tschanz während der 13 Jahre langen Planungsphase keinen Franken mehr in mich investiert hatte, mutierte ich zu einem introvertierten Embrio, in dem man aus hygienischen Gründen nicht mal mehr kochen konnte. Es wurde meist nur noch Bier in stumpften Gläsern ausgeschenkt. Traurig versank ich in einen transzendentalen Zustand – heute sagt man abgespaced.

,Auch die wenigen Gäste, die mich in dieser Zeit besuchten, arbeiteten vornehmlich daran, möglichst schnell ihren persönlichen, abgespaceten transzendentalen Zustand zu erreichen.

Zum Glück gingen die Wipkingerinnen für mich und meinen Nachbarn – den Bahnhof – auf die Barrikaden und machten mobil gegen den drohenden Betonklotz. Allen voran ein gewisser Richard Wolff, damals noch „Sozialgeograf“. Mit Erfolg!

Reinkarnation – drittes Kapitel

Wusstet Ihr, dass ich indische Wurzeln habe? Nicht, dann sage ich euch warum.

Müde von den schwierigen Verhandlungen mit den Bähnlern und dem aufbrausenden Widerstand im Quartier kündigte 2006 der 77 jährige Fred Tschanz die Zusammenarbeit mit der SBB auf und suchte einen Käufer, bis endlich ein rettender Engel gefunden wurde: Nämlich – Urs Räbsamen.

Heute sagt man “Angel Investor”. Ihn kannte ich bereits als Retter des Restaurant „Alter Löwen“ in Unterstrass. Da habe ich das erste Mal wieder ausgeschnauft und an meine Wiedergeburt geglaubt. Eben – eine Reinkarnation sozusagen – so wie es die Inder glauben.

Anfang August 2007 präsentierte dann Urs Räbsamen seine Pläne. Er will mich sanft renovieren. Mein Gastraum im Erdgeschoss wird vergrössert, die Küche, Toiletten und die Personalräume kommen in meinen Keller und in den oberen Stockwerken entstehen Wohnungen. Die Südfassade wird auf dieselbe Höhe aufgestockt und auf der der Bahn zugewandten Seite soll eine zusätzliche Terrasse entstehen.

Urs Räbsamen sagte zu mir: „Du bist eines der ältesten Gebäude im Quartier und wir wollen Dich ein wenig herausputzen, damit du auf dem Röschibachplatz zum zentralen Blickfang wirst.“ Das war Balsam auf meine verkümmerte Seele!

Begeisterung – viertes Kapitel

Beni Weder vom Quartierverein war begeistert und sagte damals wörtlich zum Tagesanzeiger: „Für das Quartier wäre das eine Erlösung. Wipkingen hat sonst keinen Quartiertreffpunkt.“ Er glaubte, dass dadurch besonders junge Leute angezogen würden.

Ich meine: Er hat nicht recht gehabt, schliesslich trägt der alte Sack nun meine Rede vor.

Zwischennutzung – fünftes Kapitel

2007 meldeten sich Dominik Büttiker, Dani Seitz, Marcel Ferri und Felix Haldimann beim Quartierverein und fragten an, ob er ein gutes Wort bei Urs Räbsamen einlegen könne. Sie hätten eine Bieridee und wollten als Zwischennutzung am Abend eine Bar in meinem Gästeraum durchführen.

Das mit dem Bier kam mir dann schon ein wenig schräg rein. Ich hatte ja bereits einschlägige Erfahrung. Na ja, was solls. Urs Räbsamen schlug ein und am 15. Februar 2018 öffneten meine neuen Pflegeltern die Pforten. Die WipkingerInnen stürmten von Anfang an meine Gaststube. Dominik Büttiker meinte in einer ruhigen Minute zu mir: „Sie haben auch dich gewartet!“ Das hat mich sehr bewegt.

Wie die Jungfrau zum Kind – sechtes Kapitel

Weil die Renovation aus steuerlichen Gründen verteilt über fünf Jahre erfolgen musste, bot Urs Räbsamen meinen Pflegeeltern einen Vierjahresvertrag an. Das hat sie fast von den Socken gehauen: Sie hätten alle richtige Berufe und wollten gar nie so richtig beizern. Was jetzt? Ich hab ihnen gesagt: Machts, beizern ist auch ein richtiger Beruf und – sie haben unterschrieben.

Meine Seele bleibt – siebtes Kapitel

Wer jetzt erwartete, in eine strahlend weisse Design Beiz einzutreten hatte sich getäuscht. Dominik, Dani, Marcel und Felix haben meine wahre Seele bewahrt und die braun gelbe Patina sogar mit einem Speziallack überzogen. Man kann so auch heute noch die Spuren der vielen Gäste, die in über hundert Jahren ein- und ausgegangen sind, immer noch erfahren. Trotzdem wirkt es nicht miefig. Gründlich geputzt, die alten Böden raus und ein neues Lichtkonzept, das gibt mir nun doch noch etwas designmässiges. Ein Wohnzimmer Wohlfühl-Feeling eben – und ich fühle mich sauwohl.

Extrovertiert – achtes Kapitel

Meine neuen Pflegeeltern haben mich fortan immer dazu ermuntert, auch in den Aussenraum auszustrahlen. Für mich war das nach so langer Zeit der Introvertiertheit eine wahre Erlösung!

Erstmals wagte ich das dann Ende Juni 2008. Da fand auf dem Röschibachplatz das erste Public Viewing der Fussball EM statt.

Rund 450 WipkingerInnen versammelten sich auf dem Platz vor meiner Nase und versperrten mir beim Final die Sicht auf die Leinwand. Für das leibliche Wohl der Gäste gaben meine Pflegeltern aber alles, ausser dass sie den Grill stellten auf der Terrasse direkt unter meiner Nase aufgestellt haben.

2009 und 2010 bauten die starken Jungs und Mädels aus dem Quartier eine Petanquebahn auf den Röschi und der Platz vor mir belebte sich zunehmend. Das Quartier begann seinen Stadtraum für sich zu erobern. Die Grenze zwischen mir und dem Platz verschwanden. Manchmal sah es so aus, als wäre der Röschi eine einzige Gartenbeiz. Das hat mich beeindruckt und mit Stolz erfüllt! Was ich nicht alles bewegen konnte: „Extrovertiertheit liegt mir eben.“

Konzept – neuntes Kapitel

Meine drei Eltern Felix, Marcel und Dani bespielen mich oft mit Kultur. Ganz nach dem ihrem Motto: Nordbrüggli – Mitten im Quartier und doch daneben. Sie denken, das sei die beste Werbung für mich.

Froh bin ich, dass ich kein Speiselokal geworden bin, in dem die Tische drei Mal pro Session verkauft werden müssen. Im Gegenteil, wenn man bei mir etwas möchte, muss man zu mir an die Bar kommen. Dann kann man sich wieder in die Wohnzimmermöbel setzen oder wenn man lieber will, an einen währschaften Beizentisch. Jeder und jede ist willkommen. Dem sagt man niederschwelliges Angebot.

Ich bin ein Magnet. Wenn die Leute an mir vorbeigehen, sehen sie in Gesichter, von denen sie einige schon kennen – andere vielleicht noch nicht. Das ändert sich dann aber schnell, wenn die bekannten Gesichter einem die Unbekannten vorstellen.

Google sagt euch heute auf Eurem Smartphone, dass die Besucher bei mir im Schnitt 45 Minuten bis zwei Stunden verweilen. Huere geil!

Ausstrahlung – zehntes und letztes Kapitel

Meine neue Lebensfreude hat in den letzten 10 Jahren ins ganze Quartier ausgestrahlt. Im Quartier sind neue coole Beizen, wie

das Kafi Schnaps

der Damm

das Des Amis

The Artisan

die Osteria Centrale entstanden.

Mein unmittelbarer Nachbar – der Bahnhof ist gewachsen, beherbergt nun einen Bankomaten, eine Bäckerei und hat sich von den Bahngleisen weg zum Platz hin geöffnet. 

Die Gelateria Sorbetto zog an die Rötelstrasse.

Sogar der Matratzen Concord hat eine neue Beschriftung bekommen. Stylisch!

Meine lieben Pflegeeltern Marcel, Felix und Dani haben sich proaktiv an der positiven Quartierentwicklung beteiligt, wie zum Beispiel am öffentlichen Mitwirkungsverfahren zur Neugestaltung des Röschibachplatzes.

Sie wollten, dass ich ein schönes Boulevardcafé werde. Das kam dann auch so.

Seit Mai 2015 sitzen d‘Wipkingerinnen auf dem öffentlichen Trottoir unter den Sonnenschirmen vor meiner Terrasse auf unserem Röschi, den sie liebevoll „Piazzetta“ nennen.

An Weihnachten 2015 erstrahlte erstmals vor meinen Fenstern die neue Wipkinger Weihnachtsbeleuchtung HaleBopp. Himmlisch. Für diese haben meine Pflegeeltern auch gespendet.

Seit 2016 findet nun auch noch der Frischwarenmarkt am Samstag vor meiner Haustüre statt und meine Terrasse kann von Euch nun auch noch genutzt werden.

Im Dezember 2016 hat der Röschibachplatz dann auch noch einen renommierten Schweizer Architekturpreis gewonnen: Den bronzenen Hasen. Der thront jetzt stolz auf seinem Podest auf meinem Vordach und schaut Tag und Nacht auf seinen Röschi. Ich finde: „Ein Haustier zu haben ist schön.“

Zum Schluss noch dies:

Von einem meiner Gäste, dem bekannten Musiker George Gruntz habe ich ein schönes Kompliment zu hören bekommen:

„Das Nordbrüggli befindet sich am Röschibachplatz und ist quasi die Seele von Wipkingen!“

Herzlich Euer „Nordbrüggli“

 

 

 

 

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