Lebensräume – Verkehrsräume

Wipkingen,
Lebensräume – Verkehrsräume
Geschichte eines Zürcher Stadtquartiers 1893 – 1993

Impressum
Geleitwort Josef Estermann
Editorial Benedikt Gschwind
Nach hundert Jahren Zugehörigkeit zur Stadt Zürich veröffentlicht die Gemeinnützige Gesellschaft Wipkingen (GGW), die sich heute auch Quartierverein nennt, ein Buch zur Geschichte unseres Quartiers Wipkingen von der Eingemeindung bis zur Gegenwart.

Ein Dorf wird Stadt

Armut, Wachstum, Bauboom, Umschichtungen

Rebdorf an der Limmat
Reben beherrschten das Landschaftsbild. Sie bedeckten die steilen Böschungen der Limmat
beidseits der Eisenbahnbrücke bis hinauf zum trockenen Sonnenhang des Käferbergs. Noch
um 1885 war ein Sechstel des Gemeindegebiets mit Reben bestanden, und beinahe jedes
grössere Bauernhaus besass eine Trotte.

Das Tram lässt auf sich warten, Hansruedi Galliker
Das Tram als öffentliches Massennahverkehrsmittel ist ein typisches Produkt des rasanten Städtewachstums im späten 19. Jahrhundert
Das Tram ermöglichte die Ausdehnung der Städte über bislang «natürliche» Grenzen hinaus, vorgegeben durch die zu bewältigende Fussdistanz, und damit immer grössere Distanzen zwischen Wohn- und Arbeitsort. Zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg wuchs Zürich am stärksten. In dieser Zeit überflügelten die sogenannten Aussengemeinden und Vororte die Stadt Zürich hinsichtlich der Bevölkerungszahl bei weitem. In diese Phase fielen auch die Anstrengungen Wipkingens um Einbindung ins Zürcher Strassenbahnnetz.

Eine Strasse wird begradigt, ein Quartier zweigeteilt, Christine Kölble
Heute noch von der Rosengartenstrasse zu sprechen ist reiner Zynismus.
Ihr unterer Abschnitt ist mit der anschliessenden Bucheggstrasse Teil der Westtangente, einer städtischen Hochleistungsstrasse, die vom Tierspital über Buchegg-, Escher-Wyss- und Hardplatz bis zur Brunau führt. Bis zu 60’000 Autos brausen hier täglich berg- und talwärts, zerschneiden das Quartier in ein Wipkingen-Ost und ein Wipkingen-West. Hier wachsen keine Rosen mehr, dafür steigen die Immissionen ins Unerträgliche.

Der andere geliebte Einschnitt, Daniel Kurz
Kaum war die Westtangente im Bau, verbreitete sich die Kunde von neuem Ungemach: Die
SBB kündeten 1970 ihre Absicht an, den Wipkinger Bahneinschnitt zu überbauen.
Die Begeisterung in Wipkingen über diesen Plan war nicht eben gross, zumal die SBB im gleichen Jahr den Bahnhof Wipkingen zur unbedienten Haltestelle degradierte. Im Jahresbericht 1973 bezog der Quartierverein zu den mittlerweile konkretisierten Plänen klar Stellung: «Mit unserer Bevölkerung vertreten wir die Ansicht, dass dieser Tunneleinschnitt freigehalten werden muss.»

Von Philantropen, Genossenschafterinnen und Spekulanten, Ursina Jakob & Daniel Kurz
Eng aufeinander mit vielen Kindern. Nie unter sich, weil Untermieter und Schlafgängerinnen
den Mietzins mittragen helfen mussten.
Für Krankheiten anfällig in dunklen und feuchten Räumen. Als Kleinfamilie bescheiden in drei Zimmern einer Genossenschaftskolonie. Alt oder Ausländerin und dicht am Durchgangsverkehr. Als alleinstehende Frau mit Glück in der Frauenwohngenossenschaft.
Mittelständisch im Eigenheim. Mit bescheidenem Angestelltengehalt in einer teuer renovierten Wohnung. – Fast alle Wohnformen gab und gibt es in Wipkingen.

Umwegweisende Winke über Wipkingen, Hans Schumacher
Schon als Kind erhielt ich von oben am Waidhang durch ein auffälliges Wahrzeichen einen
Wink von Wipkingen; dort standen zwei hohe Pappeln vor freiem Himmel.
Ich sah sie immer wieder von der Zinne unseres Hauses aus, wo wir damals an der Zollstrasse im Industriequartier wohnten.
Dieser leicht gekürzte Text erschien zuerst in: Herbert Stüssi (Hg.), Zürcher Konturen, Zürich 1991.

Von verblassenden Vereinsfarben und streikenden Glocken, Daniel Kurz
Man trifft sich im Quartier. Auf der Strasse, im Bus zur Arbeit, beim Einkaufen, zum Fussballtraining, in der Beiz, in der Kinderspielgruppe oder beim Frühjahrskonzert.
Was wäre ein Quartier ohne seine Vereine, Gruppen, Grüppchen und Institutionen? Die gemeinsamen Projekte, die Freundschaften, Grussbekanntschaften, die Zu- und Abneigungen, die persönlichen und die oberflächlichen Beziehungen sind die dünnen und dickeren Wurzeln, die wir im Quartier schlagen, nachdem wir einmal per Zufall hierher geraten sind.

Spielplatzpioniere, Leben mit dem Verkehr, Schulhausrchitektur, Ursina Jakob
Nicht nur in Wipkingen steht Aufwachsen im engen Zusammenhang mit Wohnverhältnissen, mit Bebauungsdichte, mit Erwerbsmöglichkeiten von Eltern.
Nur in Wipkingen heisst Aufwachsen leben im Stadtraum zwischen Waidberg und Limmatufer, leben mit der Westtangente, leben in einem geteilten Quartier. An drei Bereichen soll gezeigt werden, was das im einzelnen heute heisst oder in einer früheren Epoche bedeutet haben kann: an den Spielplätzen, am Schulhausbau und an den Betreuungseinrichtungen.

Begegnungen im Bus und Anderswo Roberto Stefane
Wenn man so durch die Strassen von Wipkingen zieht, trifft man immer wieder auf junge Leute. Dies lässt die Vermutung zu, dass Wipkingen weiterhin nicht ein überaltertes Quartier ist.
Nur, wo treffen sich die Jugendlichen von Wipkingen? Tatsächlich benötigt ein junger Wipkinger oder eine junge Wipkingerin nicht unbedingt einen Jugendtreff, ist man doch in nur zehn Minuten im Stadtzentrum. So ergibt es sich auch, dass sich viele Jugendliche im Bus Richtung Central oder im letzten «46er» zurück begegnen.

Kattundruckerei, Zahngold für die ganze Welt, Ladensterben Daniel Kurz
Aus dem Jahr 1795 ist eine sehr plastische Beschreibung der beiden Baumwolldruckereien überliefert. In einer Mischung von Begeisterung und Schrecken beschreibt der Zürcher Hans Rudolf Maurer die fabrikmässige Arbeitsweise. Das Neue daran liegt in der Zusammenfassung einer grossen Zahl von Arbeitern unter einer straffen Organisation, vor allem aber in der Mechanisierung zentraler Arbeitsgänge durch wassergetriebene Maschinerien, die menschliche Arbeit ersetzen, vervielfachen und verstetigen und die Produkte «gleichförmiger und zugleich wohlfeiler und schöner» hervorbringen. Maschinen ermüden nicht, und ununterbrochen läuft der Agat [Antrieb] noch immer weiter.

Arbeiten im Waidspital, Christina Karrer
Arbeit im Spital: nicht nur im Krankenzimmer und im Operationssaal. Die vielfältigen Abläufe und Handgriffe im Hinter- und Untergrund werden zum grossen Teil von Ausländerinnen und Ausländern geleistet.
Im unteren Stockwerk des Waidspitals. Die Stille eines langen Ganges liegt in der Luft, so typisch im Geruch, Erkennungsmerkmal für Krankenhäuser schlechthin – und dennoch: sie ist nur vordergründiger Teil des Ganzen, hält an bis zur ersten Flügeltüre linkerhand des Liftes. Wer sie durchschreitet, taucht nach wenigen Metern ein in Geschepper, Geklirr und Gerassel.

Die Vikinger des Konsums – Eine mögliche Quartiererzählung Isolde Schaad
Wir sind ein fortschrittliches Quartier oder sagen wir, ein fortschreitendes.
Wir sind ein Quartier, das die höchsten Durchschnittsansprüche befriedigt, wir haben zwei Quartierläden, die mit Tante-Emma-Läden unwürdig beschrieben sind, dazu die Wahl zwischen der Migros, dem Coop und dem Reformhaus, es bedienen uns je zwei Grossisten mit Getränken und Broten, mit oder ohne Holzofengeschmack, dazu kommen eine ganz persönliche Metzgerei und eine ausgesucht spezielle Conditorei.

Zwischen Käferberg und Flusslandschaft, Hans Schoch
Wipkingen sei schlecht versorgt mit Grünräumen, wurde vor ein paar Jahren im Freiraumkonzept des Zürcher Gartenbauamtes behauptet.
Und erstaunlicherweise stellte die GGW bereits sechzig Jahre zuvor fest, dass das Quartier zu wenig Spielplätze und Anlagen besitze. Immerhin hat Wipkingen besondere Ränder: ein abwechslungsreiches Flussufer und – 150 Meter höher gelegen -Waldränder und Wiesen, die ausgedehntes Spazieren möglich machen.

Markthallen und warme Bäder – Zukunftsentwürfe Rosemarie Uhlmann
Gläserne Markthalle
Auf dem Rosengartenplatz, das heisst an der Stelle, wo sich früher die Rosengartenbrücke über die Westtangente krümmte, steht heute eine riesige Glaskuppel: die Markthalle. Hier trifft sich Wipkingens Bevölkerung, kauft ein, begegnet Bekannten. Im Innern dieser gewaltigen Halle wachsen üppige Pflanzen heran, die mit ihrem dichten Laub Marktstände, Spielplätze und Ruheinseln überschatten. Die Auswahl an Gemüse, Früchten, Fleisch, Fisch, Brot und Käse ist gross und vielfältig.

Jugendträume, Miriam Uhlmann
Wie an jedem Donnerstagabend treffe ich mich mit Julie bei der rostig-antiken Eisenplastik am Bucheggplatz.
Während wir gemeinsam und gemütlich die Rosengartenallee hinunterschlendern, erzählt sie mir aufgeregt von den nervenden Problemen mit ihrer Familien-Wohngemeinschaft. Schon von weitem ist der flache Häuserkomplex, umgeben von viel Grün, sichtbar: Der Jugendtreff Wipkingen besteht aus dem zentralen Gebäude und mehreren kleinen Bungalows, die einen Kreis darum herum bilden.

Anmerkungen

Portrait Autorin und Autor

Buchrückseite

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